www.lex-icon.eu     Richard H. Dana Zwei Jahre vor dem Mast
  Der Tag, an dem die Brigg Pilgrim zu ihrer Reise von Boston um Kap Hoorn zur Westküste Amerikas auslaufen sollte, war auf den 14. August festgesetzt. Da sie am frühen Nachmittag in Fahrt gehen würde, fand ich mich um zwölf Uhr mittags in voller Montur und mit meiner Seekiste mit Sachen für eine zwei- bis dreijährige Reise an Bord ein, um mich – wenn möglich durch eine völlige Änderung meiner Lebensgewohnheiten und das Vertauschen der Bücher gegen viel schwere Arbeit, einfaches Essen und frische Luft – von einem Augenleiden zu erholen, gegen das keine Medizin zu helfen schien und welches mich gezwungen hatte, meine Pläne zu ändern.
So ungewohnt der Tausch von engsitzendem Frack, Seidenkappe und Glacéhandschuhen des Harvard-Studenten gegen weite Tuchhosen, kariertes Hemd und eine Kopfbedeckung aus Segelleinen – er war trotzdem rasch vollzogen, und ich glaubte durchaus als Janmaat durchzugehen. Indes läßt sich das geübte Auge in dieser Hinsicht unmöglich täuschen: Während ich mir in meiner Erscheinung wie Neptun aus dem Meer persönlich vorkam, erkannte jeder an Bord in mir auf den ersten Blick die Landratte. Die Kleidung des Seemanns zeichnet sich durch einen besonderen Schnitt aus und wird auf eine Art getragen, wie es keinem Neuling gelingt: Die Hose sitzt straff um die Hüften und fällt lang und lose zu den Füßen herab; ein wallendes Karohemd; ein flacher, gut geteerter schwarzer Hut, der auf dem Hinterkopf getragen wird und mit einem Meter schwarzem Band versehen ist, das über dem linken Auge herabhängt; sowie ein besonders geknotetes schwarzes Seidenhalstuch nebst allerlei anderen Kleinigkeiten; das sind Erkennungszeichen, die, wenn sie fehlen, sofort den Neuling verraten.
Es war aber nicht nur meine unpassende Kleidung, sondern auch die Art meiner Haut und meiner Hände, durch die ich mich von einem normalen, wettergegerbten Seemann mit sonnenverbrannten Wangen unterschied, der auf breit auseinanderstehenden Beinen mit rollendem Gang ausschreitet, wobei er seine gebräunten, ledrigen Hände querschiffs schwingen läßt, halb geöffnet und jederzeit gefaßt, ein Tau zu packen.
' Mit der Last meiner Unzulänglichkeiten' (Shakespeare, Hamlet) verfügte ich mich zur Mannschaft, und wir verholten hinaus auf Strom, wo wir zur Nacht vor Anker gingen. Am folgenden Tag hieß man uns das Schiff seeklar machen. Wir scherten das Leesegelgut ein, gaben die Royalrahen nach oben, setzten Schamfielings und nahmen unser Pulver an Bord. Die darauffolgende Nacht ging ich meine erste Wache. Ich blieb fast den ganzen ersten Teil der Nacht wach, aus Furcht zu überhören, wenn man mich riefe. Als ich an Deck ging, hatte ich eine so große Vorstellung von der Bedeutung des in mich gesetzten Vertrauens, daß ich das Schiff regelmäßig der Länge nach von vorn nach achtern ablief, wobei ich bei jeder Wende über den Bug und die Heckreling Ausschau hielt. Ich war einigermaßen überrascht über die Ruhe, mit welcher sich der alte Seemann, den ich zu meiner Ablösung rief, unter der Schaluppe zusammenrollte, um ein Nickerchen zu halten. Das schien ihm genug Ausguck in einer klaren Nacht vor Anker in einem sicheren Hafen.
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  Neuübersetzung der Ausgabe von 1868 mit dem Vorwort der Ausgabe von 1842, dem Epilog des Autors "25 Jahre später" und den Nachbemerkungen von Richard Dana III zum Leben seines Vaters unter dem Titel "76 Jahre später".
 
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