www.lex-icon.eu   White-Jacket
  Kapitel I.
Die Jacke

Es war keine sehr weiße Jacke, doch gewiß weiß genug, soweit man das sagen kann, wie alles Folgende zeigt.
Und ich kam zu ihr wie folgt:
Als unsere Fregatte in Callao an der Küste Perus - ihrem letzten Hafen im Pazifik - lag, fand ich mich ohne Grego oder Seemanns-Surtout. Und weil gegen Ende einer dreijährigen Reise vom Zahlmeister-Steward keine Pijäcker zu bekommen waren, und für uns unterwegs nach Kap Hoorn bestimmt irgendein Ersatz unverzichtbar sein sollte, machte ich mich mehrere Tage daran, ein eigenwilliges, von mir selbst entworfenes Kleidungsstück anzufertigen, um mich gegen das stürmische Wetter zu schützen, dem wir bald ausgesetzt sein würden.
Es war nicht mehr als ein weißer Rock aus Tuch, mehr ein Hemd, das ich, auf Deck ausgebreitet, über der Brust übereinander faltete und, indem ich den Schlitz von dort weiterführte, der Länge nach öffnete - ungefähr so, wie man ein Blatt des letzten neuen Romans auftrennt. Der Schnitt gemacht, vollzog sich eine Verwandlung, die alle Metamorphosen Ovids übertraf. Denn schwupps: Das Hemd war nun eine Jacke! - allerdings ein seltsam aussehender Mantel, ausladend um den Schoß, wie der eines Quakers, mit einem schlaffen Kragen und einer plumpen Fülle um die Manschetten - und weiß, ja, weiß wie ein Totenhemd. Und als mein Totenhemd sollte es sich später mehr oder weniger herausstellen, wie der Leser im Weiteren feststellen wird.
Aber vergib mir, mein Freund, welch eine Sommerjacke ist das, in der man Kap Hoorn übersteht? Sehr geschmackvolles und schönes weißes Leinen hätte es sein können; andererseits tragen die Leute ihr Leinen im allgemeinen auf der Haut.


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  aus dem Amerikanischen: White Jacket or the World in a Man-of-War, New York/London 1855
ISBN 978-3-74815615-4
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