Vorwort Juni ’39
Das Schiff, auf dem die im Folgenden beschriebene Reise stattfand, ist unlängst ausgebrannt. Es war ein anderer Kapitän, der darüber seinerzeit das Kommando hatte; nach dem Zeitungsbericht verhielten sich alle Passagiere vollkommen ruhig und wurden infolgedessen gerettet. Wir sind noch in Ostindien*, hoffen aber, innerhalb von drei Monaten nach Europa zurückgekehrt zu sein, das eine noch blindwütigere Mordlust an den Tag legt als bei unserer Abreise.
So ist der Mensch: Es ist nicht immer Kleinmut, der ihn zu ruhigeren Orten treibt. Logisch ist dieser Kleinmut jedenfalls nicht, andernfalls würde es ihn an diesen Orten gehalten haben. Woraus ich schließe: Der eine Augenblick ist der andere nicht; der eine Ort gehorcht einer anderen Logik als ein anderer, und sogar den Kleinmut gibt es nicht unverfälscht.
Wenn ich dieses Schiffstagebuch von vor zweieinhalb Jahren jetzt veröffentliche, geschieht das auch aus ‚geistiger und moralischer Wiederbewaffnung‘. Jeder auf seine Weise, jeder nach seinem Können, um daran mitzuwirken, und die Königin hat, als sie diese Bewegung unterstützte und sie anpries, nicht gewollt, daß sie, die schwer geharnischt sein müßten, jene weniger Gewappneten in Stücke hauen würden und mit dem ganzen Unverstand einer unduldsamen Borniertheit verfolgen; vielmehr die Hoffnung geäußert, man möge einander so viel wie möglich begreifen. Indem ich in aller Demut beim erneuten Lesen dieser Zeilen meine vielen schlechten Seiten darin entdecke, offenbare ich sie, gerade weil es mir in aller Unverblümtheit ein sinnvoller Beitrag zum Verständnis eines gewissen Nichtbegreifens erscheint. Wer weiß, wie viele Wolken dadurch zerrissen werden können? Einen Moment lang habe ich ernsthaft gedacht, es mit Randbemerkungen von Prof. R. Casimir oder zumindest von Herrn D. Hans herauszugeben. Am Ende schreckte ich davor zurück, diese berühmten Männer, wenn auch nur für einen Augenblick, von ihren anderen so viel nützlicheren Tätigkeiten abzuhalten.
Der wiederbewaffnete Leser möge daher diese Seiten eigenmächtig beurteilen: sie wertschätzen oder verabscheuen, lehrreich finden oder einfach hassen.
A.D.
13. Oktober 1936
Marseille. Unser Schiff lag nicht an der Pier, die man uns angewiesen hatte, sondern in einem Außenhafen, denn, sagte der Fahrer, il prend de la poudre. „Pulver? Ist das Argot für Mehl?“ wollte Jane wissen, darauf ich: „Vielleicht für Sand?“ Keineswegs, es ist korrektes Französisch; vom Ersten Offizier hören wir, daß man tatsächlich Schießpulver an Bord hat, plus einige Torpedos, für Siam. „Sie halten es für gefährlich.“ fügte er lachend hinzu. Aus demselben Grund würden wir auf dieser Reise nicht Djibouti, sondern Port Sudan anlaufen.
Abfahrt ist erst um fünf. Wir gehen wieder in die Stadt, auf einen letzten Bummel in Europa – Die Canebière** ist im Nieselregen noch provinzieller als sonst. Das Wort Restaurant scheint hier unbekannt, man trinkt etwas in einem Café; aber wenn man etwas essen will, muß man in ein Hotel. Nach Paris erscheint dies wie die Einführung in alle Kolonien. Und hier habe ich vor 15 Jahren erstmals die europäischen Häuserreihen gesehen, bis dahin nur aus dem Kino bekannt. Hier, im Hôtel de Noailles, kam die alte Babu meiner Mutter aus dem Staunen nicht heraus: von Herren mit frisiertem Haar und im Frack wie Prinzen bedient zu werden. Aber auch ich brachte es nicht über mich, ‚garçon‘ zu sagen und fügte meinen Bestellungen ein zaghaftes ‚monsieur‘ an. Wie soll ein Junge aus den Kolonien einen Weißen auch anders ansprechen? In demselben Laden, in dem ich damals, am Tag der Ankunft,Ma Vie de Boxeur von Carpentier kaufte, bat ich jetzt um ein Jugendwerk von Montherlant. Man schien noch nie davon gehört zu haben, und ich nahm ein anderes Buch von ihm, in einer kartonierten Ausgabe auf Zeitungspapier. Dieses als solches erworbene Andenken verlor jeglichen Charakter, sobald es in der Kabine lag.
... Also Jane, nun ist es soweit. So gut wie unterwegs. All die Gespräche, die wir über Ostindien geführt haben; die paar Tränen, als du dich plötzlich entscheiden mußtest; das liegt hinter dir: Du wirst Ostindien mit eigenen Augen kennenlernen. Ich werde es wiedersehen. Unser Söhnchen wird sinjootje*** genannt werden, usw.
Als Paris durch zu viel Politik seinen Charme verlor, kam der Gedanke nach Ostindien zu gehen tatsächlich wieder auf. In einem kleinen Boot von Hyères nach Port-Cros, kurz ehe wir anlandeten, verdarb ich Jane den Ausflug, indem ich davon anfing. Warum? Port-Cros mit seiner stachligen Vegetation, seinem quasi-ländlichen Hotel, der kleinen Kirche und allem, was manche Franzosen an die Antillen gemahnt, mir schien es unbewohnbar, zu nichts anregend, erinnerte mich dort nichts an Ostindien. Aber das Schicksal der Gespräche weilt in der Luft um unserem Kopf, und das unsere wurde an dem Tag plötzlich unersprießlich und mühsam, spitzte sich auf zwei Punkte methodischen Unverstehens zu. Jane wollte, sollten wir jemals auf Java wohnen, dort vor allem niemanden begegnen (niemals bezieht sich auf die Europäer), einzig unter einem Baum Claudel und Saint-Léger Léger lesen (unter einem Waringin vermutlich). Es stach mich wie mit einem eigenen Stachel: „Sind wir denn wirklich so zu Nichts-als-Intellektuellen geworden, daß wir nicht mehr mit gewöhnlichen Menschen umgehen können?“ Ich spie feurige Wolken, über die Güte, die Hilfsbereitschaft, das angeborene Feingefühl gerade jener ‚gewöhnlichsten‘ ostindischen Menschen. Ich sprach von pittoresken alten Sonderlingen, von faszinierenden Gelehrten, von weiten Herzen, die uns um einiges weniger langweilen würden, als die Pariser Plauderer mit ihrem Geschwafel! Das verfluchte Reden, Reden, Reden in Paris! Es war, als ob auf einmal nur Jane das liebte; als wäre ich nie mitschuldig, immer nur Opfer gewesen! Wundersame Unredlichkeit: Dem Naturschönen von Port-Cros nahm es so seinen Glanz. Das war im April 1936.
Ende Juni erschien Taco Odinga in Paris. Ich hatte ihn zehn Jahre nicht gesehen, und sechs davon war er jetzt schon Gartenangestellter im Bandungischen. Er war kaum älter geworden: Sein Jungengesicht zeigte ein paar kleine Furchen mehr, sein Kinn und sein Hals waren etwas weniger rund und glatt, aber er war fast noch schlanker als früher und genauso strohblond und genauso flink in seinen Bewegungen. Schon gleich – es war morgens ganz früh, er war mit dem Nachtzug gekommen – in Le Murat, die Kellner wischten noch die Tische sauber, sprach ich ihn wegen meines Verlangens an fortzugehen. Er sagte mit Nachdruck: „Warum nicht nach Ostindien?“ und erzählte wie billig es dort gegenwärtig sei und von einem kleinen Haus in den Bergen. Es war einst das Liebesnest eines Verwaltungsbeamten gewesen, inzwischen gestorben; die seine Liebe gewesen war, inzwischen betagt, hatte es geerbt, doch ohne Geld, es zu unterhalten. Es stand in einem herrlich verwilderten Garten, und davon abgesehen: in Ostindien stehen dir doch die Gärten der Nachbarn ebenso offen. Er konnte das Häuschen renovieren lassen; die Frau konnte uns ‚en pension‘ nehmen. Die Preise, die er nannte, waren beängstigend niedrig. Es war das Paradies für Nichts und dann noch weit weg von allen Europäern. Dort und an jenem Morgen wurde die Saat gelegt für den ernsthaften Plan: nach Ostindien. Um mich noch davon abzuhalten, hätte Europa ein weniger mordlustiges Gesicht zeigen müssen.
14. Oktober
Wir können mit Freude von uns selbst sagen, daß wir nicht seekrank sind. Dieses Schiff, ein Motorschiff und nicht besonders groß, fährt besonders ruhig; für mich ist es das erste Mal, daß ich an Bord keine Kopfschmerzen habe. Kann es von den Jahren herrühren: daß Jugend und Seekrankheit gemeinsam vergehen? Etwas anderes ist die Seekrankheit, verursacht durch das gezwungene Beieinander mit Menschen, die uns nicht anziehen. Vielleicht wird man davon nie kuriert. Schön, solange wir mit niemand sprechen müssen, können wir zusammen betrachten, was hinter uns liegt. Was vor uns liegt, können wir besser abwarten. Im Augenblick bindet alles uns noch an unsere alten Interessen; diese Gesichter um uns herum erwecken jedesmal mit Nachdruck die Gesichter, die wir verließen, die Jane sich bisweilen einbildet, als Letztes – und von denen sie sicher weiß, sie zum letzten Mal so – gesehen zu haben. Wir beschwören sie mit Gewalt herauf – zu Hilfe.
Mitte Juli brach in Spanien der Bürgerkrieg aus. Ich saß mit Héverlé auf der Terrasse eines kleinen Cafés bei der Porte de St. Cloud (belangloses Detail für andere, nicht für mich) als er die Zeitung durchsah und sagte: „Ich habe große Lust zu gehen.“ Er dachte an einen befreundeten Flieger; meine spontane Reaktion war: „Ich gehe mit.“ Eine Anwandlung von Lust, dort als der unbekannte Antifaschist zu fallen (holländischer Leser: das ist Ironie). Aber die Lust verging, als ich nicht mit dem Flugzeug mit durfte, das sich als ein französisches Militärflugzeug erwies (bei einem eventuellen Unglück würde die Anwesenheit eines holländisches Kadavers darin eine offizielle Person kompromittiert haben); und auch weil Jane mitwollte. Jeder wollte; ganz Montparnasse gab sich in Spanien ein Stelldichein; vor allem die Frauen wollten ‚das Große‘ erleben. Wenn die Geschichte der ersten Freiwilligen geschrieben wird, wird ein Kapitel angefüllt sein über das mächtige Verlangen aller gesetzlichen und anderen Gefährtinnen, mit bombardiert zu werden. In keinem einzigen Fall habe ich gesehen, daß es an diesem Verlangen gefehlt hätte. Jeder, der alles daran gesetzt hätte, um einem patriotischen Krieg zu entgehen, wurde wild, sich in den spanischen Brudermord einzumischen.
Inzwischen schickte mein guter Taco aus Holland allerlei Prospekte und Listen der Schiffsabfahrten; halbe Frachtschiffe, dänische und norwegische. In Gedanken weiterhin in Spanien, erwog ich, nicht im Dezember zu reisen, wenn an Bord Weihnachten und Sylvester gefeiert würde, es lieber bis Januar aufzuschieben, so sehr ich aus Aberglaube das Neue Jahr in Ostindien hatte beginnen wollen.
Paris kommentierte Spanien: Europas Schicksal geklärt, dank mexikanischer Gefechte. Ein paar kleine Dörfer erobert, verloren, zurückerobert, das war die Front; heute bang und morgen mutig, enthusiastisch ohne zu wissen, was ein Gewehr ist, das waren die milicios. Das erste Mal, daß sie einen Schützengraben erobert hatten, kamen sie abends nach Madrid zurück, weil sie es zu kalt fanden, um im Schützengraben zu schlafen. Man fragte einander: „Wohin gehen wir heute? In den Wald oder an die Front?“ Und doch das Schicksal Europas: wenn die Faschisten in Spanien gewinnen, ist Frankreich verloren, eine Insel umgeben von einem schwarz-braunen Meer, dann ist es, mit dieser ohnehin wackelnden Volksfrontregierung, binnen eines Jahres faschistisch. Was bleibt dann noch übrig? Nur Sowjetrußland, das dann aber von Japan und Deutschland zermalmt wird. (Diese Aussicht, typisch für damals, muß später amüsant sein.)
Als antifaschistischer Intellektueller hoffte ich auf einen Sieg der Regierungstruppen; und dann, meine Pariser Freunde gingen einer nach dem anderen. Darunter fanden sich viele italienische Emigranten, ‚liberale‘ oft, die nicht mehr wußten, wie sie in Paris zurecht kommen sollten. Renzo Giua, ein Junge von 22, war aus Italien geflohen, weil er nicht gegen die Abessinier kämpfen wollte; sein Vater, bekannter Professor, wurde zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er diese Flucht nicht verhindert hatte und später durch Spionage festgestellt wurde, daß er seinen Sohn in Paris besuchte. Renzo, der diese Nachricht in Savoyen erhielt, wo er fast verhungert von einer Familie aufgenommen worden war, wollte sich sogleich melden. Ein Brief seiner Mutter beschwor ihn, das zu unterlassen: sein Vater ließ ihm ausrichten, daß er die Verurteilung nur deshalb frohgemut ertrug, weil er seinen Sohn in Freiheit wußte, und daß dieser vor allem nicht so naiv sein sollte, mit irgendeiner Nachsicht zu rechnen, wodurch ihm doch nur bliebe, sich erschießen zu lassen, ohne daß er für den Vater etwas erreichte.
Für Burschen in Renzos Lage war der spanische Kampf ein Ausweg; er war sofort in Katalonien, wo er so gut kämpfte, daß er innerhalb weniger Tage als Anführer eines kleinen Trupps angestellt wurde. Als wir abreisten, hatte er an verschiedenen blutigen Gefechten teilgenommen und war leicht verwundet gewesen. Er schrieb mir mit großer Klarheit über das, was er sah, ohne sich deshalb durch Haß oder Begeisterung sein Urteil nehmen zu lassen.
Ein bekannter niederländischer Anarchist gab mir seine Sicht auf Spanien: Aussicht auf Massenmord zwischen Anarchisten und Kommunisten, sobald ‚Links‘ gewonnen haben würde (und man hatte doch überhaupt noch nicht gewonnen). Zwei völlig unvereinbare Auffassungen usw. Am überzeugendsten war seine Beleuchtung des Polizeiregimes von Stalin; leben unter der GPU oder der Gestapo, besteht dazwischen wirklich ein Unterschied? Jeden Tag in Paris verschärfte sich mein Gefühl, ‚nicht dazu zu gehören‘.
Das einzige Band war das zu meinen Freunden. Héverlé an erster Stelle, aber es kam mir immer mehr so vor, daß er mich am allerwenigsten brauchte; man begann in Spanien jeden fernzuhalten, der kein ‚Techniker‘ war, und Héverlé ging allmählich als General dorthin (Saint-Just Reorganisator der Rheinarmee). Ostindien rief unaufhaltsam. Auch durch das Gefühl, daß ich mein eigenes Ziel und nicht von denen anderer abhängig sein wollte. In dem Maß, wie das Schlingern tiefer in mir stattfand, fühlte ich mich stärker nach Ostindien gezogen.
Aufbruch eines weiteren guten Freundes, Nicola Micheli, nach Spanien: obwohl von Hause ‚Philosoph‘, konnte er auch sagen, daß er Reserve-Offizier bei der Artillerie in Rom gewesen sei. Denselben Tag lernte ich Harry Domela kennen, derjenige, welcher einmal als falscher Prinz von Preußen durchging. Äußerlich der übliche blonde Deutsche, bis auf einen kleinen Knubbel in einer Wange, der einen alten Bruch oder eine Wunde vermuten ließ; sanfte Stimme, mehr als bescheidene Manieren. Auch er wollte nach Spanien: zu den Kommunisten oder den Anarchisten, das war ihm gleich. „Hätte sich dies nicht angeboten, hätte ich vielleicht (Geste seiner Faust gegen die Wand) eines Tages einen Nagel da hineingeschlagen, um... (andere Bewegung um seinen Hals und darüber). Wie ich bis heute gelebt habe, weiß ich eigentlich nicht.“
Bei allen dieses selbe Gefühl: daß Spanien zumindest Tod oder Leben bedeutete; bis zum Tod ein intensiveres Leben; nicht das erstorbene Fortbestehen der Emigration. Domela, der kein Französisch sprach, wurde von Nicola zu einem Spezialisten für deutsche Freiwillige gebracht. Seine technischen Fähigkeiten beschränkten sich darauf, daß er in der deutschen Armee Soldat gewesen war.
*gemeint ist hier und weiterhin Niederländisch-Indien, heute Indonesien.
** Durchgangsstraße in Marseille.
*** Verbalhornung aus dem Portugiesischen, für ‚kleiner Herr‘.
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